Leseprobe
Dieser Abschnitt gibt Dir einen Einblick in mein kommendes Buch.
nachts
Ich schlief unruhig. Ich zweifelte an mir. Bilde ich mir das alles nur ein? Drei Tiere sind in der Nachbarschaft gestorben – alle in kurzer Zeit. Ja, sowas kann passieren. Oder?
Und der Traum? Reiner Zufall? Vielleicht fehlt mir einfach der Schlaf. Vielleicht bin ich in einer Art Trance, einfach nur empfänglicher für das, was andere nicht sehen – für die unsichtbaren Wellen. Magie, Hexerei, Wahrsagen – das gab es schon immer. Nur weil wir heute kaum noch daran glauben, weil alles wissenschaftlich erklärbar scheint, weil unsere Medizin so weit fortgeschritten ist – heißt das, dass das, was ich hier gerade erlebe, nicht real ist?
Ich musste mich irgendwie ablenken. Mir fiel das alte Tape ein, das mir mein Cousin mal geschenkt hatte. Es hatte mir damals nur Ärger eingebracht – mein Musikgeschmack machte mich an der neuen Schule erst recht zum Außenseiter. Punk war damals bei den Rechten nicht so beliebt…Nur war mir erstens, nicht bewusst, das das Punk ist und zweitens auch nicht, dass ich an einer Nazischule gelandet bin. Aber was soll’s. Das Tape war ziemlich geil.
Ich wühlte in meiner Schublade, bis ich das gelbe Tape endlich zu fassen bekam. Ich sah mich kurz um. Wo war eigentlich mein Kassettenrecorder? Seit ich den Radiowecker hatte, hatte ich ihn kaum noch benutzt. Ich durchsuchte mein Zimmer. Hatte ich ihn weggestellt?
Dann überkam mich eine Ahnung. Ben.
Ich ging in sein Zimmer. Ich musste nicht lange suchen. Tatsächlich – der Arsch hatte sich meinen Elta-Recorder gekrallt. Ich kochte vor Wut. Na warte, wenn du nach Hause kommst, bekommst du was zu hören.
Ich trug den Recorder die Treppe hinauf in mein Zimmer, legte das Tape ein. Erst hörte ich die witzigen Songs von WIZO durch, dann blieb ich bei Azzurro von den Toten Hosen hängen. Geiles Lied. Es startet mit einer Aufnahme von einem Anrufbeantworter: „Es ist nachts um halb eins, Ihre Musik ist so laut, dass ich am Schlafen gehindert werde…!“ Die Hosen fanden das offenbar witzig. Ob der Anruf echt ist? Egal. Ich liebte das Lied. Es war auf Italienisch, ich verstand kein Wort – aber es war egal. Jedes Mal, wenn der Song zu Ende war, spulte ich zurück. Ich war bald richtig gut drauf. Ben anzumeckern hatte ich längst vergessen.
Abends schlief ich schnell ein.
Doch mitten in der Nacht hörte ich plötzlich eine Stimme. Sie sprach mich direkt an:
„Es ist nachts um halb eins… Ihre Musik ist so laut…!“
Ich schreckte auf, setzte mich aufrecht hin. Hatte ich das wirklich gehört? Ich lauschte. Stille. Ich sah zum Rekorder – alle Knöpfe waren oben, die rote LED aus. Nein, das hatte ich mir eingebildet. Mein Herz pochte. Ich musste mich beruhigen. Ich wollte nicht aufstehen, also griff ich zum Radiowecker. Die Ziffern leuchteten rot: 00:30 Uhr.
Halb eins.
Ich drückte den Einschaltknopf. Aus dem Radio klang: Azzurro.
Nein. Das kann nicht sein. Nein, nein, nein.
Ich drehte mich zum Fenster. Die Straßenlaternen starrten mich an wie glühende Augen. Sie flackerten leicht im Wind, als wollten sie mir etwas sagen.
In diesem Moment wusste ich: Das alles hier ist kein Zufall. Hier, jetzt – geschieht etwas. Mit mir. Mit meinen Nachbarn. Nur scheint außer mir niemand es zu bemerken.
Ich machte in dieser Nacht kein Auge mehr zu. Selbst ein Lied von einer irdischen Band wie den Toten Hosen fühlte sich plötzlich wie Magie an. Oder wie ein Fluch.
Was sollte ich tun? Mit meinen Eltern reden? Keine Chance. Als ich Mama damals von meinen Träumen erzählt hatte, sah sie erst ängstlich aus – dann besorgt. Sie wollte sofort einen Termin beim Psychologen ausmachen. Nein. Ich bin nicht verrückt.
Papa? Der würde es als Unsinn abtun und fertig.
Sarah? Sie hatte mich neulich schon nicht ernst genommen. Und sowieso nur Jungs im Kopf. Außerdem – wenn ich ihr jetzt sage, dass ihr Haustier bald sterben wird? Sie würde glauben, ich hätte was damit zu tun. Dann hätte sich die einzige Freundschaft, die ich auf dieser Schule habe, auch erledigt.
Nein. Das geht nicht.
Ben? Zu klein. Ich freute mich ja für ihn, dass er wenigstens schlafen konnte. Auch wenn er manchmal ein Arsch war – gerade nachts vermisste ich ihn in meinem Zimmer. Wie sähe das denn aus, wenn die große Schwester nachts Angst hat?
Ich beschloss: Ich behalte das für mich.
In der Schule war ich abwesend, aber man ließ mich in Ruhe. Ich überlegte die ganze Zeit, was ich tun könnte, um dieses Unheil abzuwenden.
Noch drei Häuser, dreimal muss ein Tier sterben, dann wird es uns treffen? Wer wir es sein Tommy, Daisy? Oder sogar Paule!? Nein, auf keinen Fall, das kann ich nicht zulassen. Nicht Paule!

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